Auswahl durch Testverfahren: Verfahrensmodelle

Allgemeine Studierfähigkeit: Hintergrund

Der Begriff der Studierfähigkeit umschließt ein breites Spektrum individueller Voraussetzungen für erfolgreiches Studieren. Dazu gehören bestimmte intellektuelle Fähigkeiten, studienrelevantes Vorwissen, wirkungsvolle Lern- und Arbeitstechniken, Arbeitsdisziplin, Fleiß und Durchhaltevermögen, Selbstkritik sowie emotionale Stabilität (Trost, 1975). Die Gruppe von Testverfahren, welche intellektuelle Fähigkeiten misst, wird Studierfähigkeitstests genannt.

  • Allgemeine Studierfähigkeitstests: Erfassen intellektueller Fähigkeiten, die mehr oder minder für alle akademischen Ausbildungsgänge wichtig sind.
  • Studienfach- bzw. studienfeldspezifische Studierfähigkeitstests: Prüfen von Fähigkeiten, die für die Bewältigung bestimmter Studiengänge oder Studienfelder  besonders bedeutsam sind.


Kognitive Fähigkeiten werden anhand fachnaher Inhalte geprüft, die typisch sind für den Lernstoff des jeweiligen Studiums. Des Weiteren wird geprüft, inwieweit der Testbearbeiter bzw. die Testbearbeiterin in der Lage ist, sich in die Terminologie und in die Darstellungsformen der betreffenden Fächer hineinzudenken mehr...

Eignungs_Blüte

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Zum Vergrößern hier ... klicken. Legende: a = Eignungsaspekte, die für das betreffende Studienfeld relevant sind; b = Eignungsaspekte, die für zwei benachbarte Studienfelder relevant sind; c = Eignungsaspekte, die für alle Studienfelder relevant sind, entsprechen der "allgemeinen Studierfähigkeit".

Vorgehensmodelle zur Auswahl von Studierenden am Beispiel der Masterstudiengänge

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Testverfahren für die Auswahl von Studierenden zu nutzen. Einige Modelle, die sich in der Praxis bewährt haben, werden im Folgenden skizziert. Die ITB Consulting GmbH berät gerne bei der Gestaltung des gesamten Auswahlverfahrens.

Modell 1: 50/50-Modell
Bei der Zulassung geht das Testergebnis neben den Bachelornoten mit einer Gewichtung von 50 Prozent in die Auswahlentscheidung ein. Dieses Modell wird von der Universität Hamburg für den Studiengang M. Sc. Betriebswirtschaft verwendet. Vorteile dieses Modells sind Einfachheit, Transparenz und hohe Prognosekraft - in empirischen Studien wurde mehrfach nachgewiesen, dass eine 50/50-Gewichtung von Abschlussnoten und Testergebnissen die höchste Prognosekraft hat.

Modell 2: Differenziertes Bonusmodell
Bei der Entscheidung über die Zulassung werden mehrere Kriterien mit unterschiedlichen Gewichten berücksichtigt: Neben Bachelornoten und Testergebnissen können beispielsweise Sprachkenntnisse, Berufserfahrung, Praktika, Auslandsaufenthalte, Motivationsschreiben oder Empfehlungsschreiben einbezogen werden. Die Universität zu Köln zum Beispiel gewichtet bei der Zulassung für die beiden Studiengänge M. Sc. Business Administration und M. Sc. Economics das Testergebnis mit 29 Prozent neben den Bachelor-Noten (51 Prozent) und weiteren besonderen Leistungen und Interessen (20 Prozent). Der Vorteil eines solchen Modells besteht darin, dass auch "weiche" Kriterien berücksichtigt werden können, was den Wünschen der Studierenden entgegenkommt.

Modell 3: Quotenmodell
Ein Teil der Studienplätze (z. B. 20 Prozent) wird an die Bewerber mit den besten Bachelor-Noten vergeben. Für die übrigen Plätze wird unter den Bewerbern eine Rangreihe gebildet, wobei Bachelor-Note und Testergebnis zu jeweils 50 Prozent gewichtet werden.
Derartige Modelle, bei denen Bewerber mit den besten bisherigen Bildungsabschlüssen vorab zum Zug kommen und die restlichen sich einem Test unterziehen müssen, werden beispielsweise bei der Zulassung zu medizinischen Studiengängen verwendet (hier mit einer Abiturbesten-Quote). Der Vorteil eines solchen Modells besteht darin, dass Personen mit sehr guten Abschlussnoten auch ohne Teilnahme am Test einen Studienplatz bekommen können und der Test weniger stark als "verpflichtend" wahrgenommen wird.

Modell 4: Einfaches Bonusmodell
Bewerber, die ein gutes Testergebnis vorweisen können, bekommen einen Bonus auf die Bachelor-Note. Hier sind mehrere Varianten praktikabel, wie die folgenden Beispiele zeigen: Bei einem Prozentrang* zwischen 50 und 75 aufgrund der Testergebnisse gibt es einen Bonus von 0.3, bei einem Prozentrang ab 75 einen Bonus von 0.6 Einheiten auf die Bachelor-Note. Bei einem Test-Standardwert** von 100 bis 110 gibt es einen Bonus von 0.2 auf die Bachelor-Note, von 111 bis 120 beträgt der Bonus 0.4, ab 121 gibt es einen Bonus von 0.6. Bonus-Modelle dieser Art werden von einigen Hochschulen im Zusammenhang mit der Verwendung des Tests für medizinische Studiengänge sowie des TestAS (Test für ausländische Studierende) verwendet. Ein solches Modell stellt sicher, dass Bewerber mit guten Abschlussnoten auch ohne Teilnahme am Test sehr gute Chancen auf einen Studienplatz haben. Absolventen von Schulen oder Hochschulen mit strenger Notenvergabepraxis können ihre Zulassungschancen verbessern.

* Erläuterung Prozentrang: Der Prozentrang gibt an, wie viel Prozent der Test-Teilnehmer ein niedrigeres oder allenfalls gleich gutes Ergebnis erzielt haben.  ** Erläuterung Test-Standardwert: Die vom Testbearbeiter erreichte Punktzahl (Zahl der richtigen Antworten) wird in eine Skala mit dem Mittelwert 100 und einer Standardabweichung von 10 umgerechnet. Etwa 34 Prozent aller Test-Teilnehmer liegen mit ihren Standardwerten zwischen 100 und 110; ebenso viele erzielen Werte zwischen 90 und 100.

Modell 5: Cut-off-Modell
Das Erreichen eines bestimmten Ergebnisses im Test (z.B. eines Standardwerts von 100  oder höher) ist eine obligatorische Zulassungsvoraussetzung. Cut-off-Modelle kommen häufig bei der Verwendung amerikanischer Tests - auch in Deutschland - zum Einsatz. Ein Vorteil wird darin gesehen, dass man einen "Mindeststandard" setzt und dadurch sicherstellt, dass sich nur Personen bewerben, die über bestimmte kognitive Fähigkeiten verfügen. Außerdem senkt diese Praxis die Zahl der Bewerber und damit den Verwaltungsaufwand.

Modell 6: Gewinnung der besten Bewerber
Diejenigen, die eine besonders gute Kombination aus Bachelor-Note und Testergebnis mitbringen, erhalten bestimmte Vergünstigungen (z. B. Stipendien, Rückerstattung des Teilnahmeentgelts, Befreiung von Studiengebühren, …). Die Berücksichtigung von Testergebnissen bei der Vergabe von Stipendien wird von Hochschulen bislang nur in seltenen Fällen praktiziert. Stiftungen hingegen, wie die Studienstiftung des deutschen Volkes, setzen im Rahmen der Auswahl von Stipendiaten unter anderem auf Tests. Der Vorteil eines solchen Modells liegt darin, dass besonders begabte Studierende zur Bewerbung an der betreffenden Hochschule ermutigt werden.

Auswahl von Master-Studierenden durch Tests

Die Auswahl von Studierenden für Masterstudiengänge gewinnt aus verschiedenen Gründen an Bedeutung:

  • Erfolgreiche Master-Absolventen sind das Aushängeschild einer Hochschule.
  • Eine anspruchsvolle und qualitativ hochwertige Ausbildung setzt voraus, dass die Studierenden den hohen Anforderungen gewachsen sind.
  • Es gibt deutlich mehr Bewerber als Studienplätze, sodass die Hochschulen auswählen müssen.

Zur Auswahl von Studierenden kommt eine Vielzahl von Verfahren in Betracht. Ihnen gemeinsam ist das Ziel der Identifikation der Personen mit den besten Erfolgsaussichten. Weitere wichtige Aspekte sind Gerichtsfestigkeit, Akzeptanz bei potenziellen Bewerbern, Fairness und Ökonomie. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Studierfähigkeitstests sowohl im deutschen Raum als auch weltweit am besten bewährt.

Fähigkeitstests ermöglichen eine gute Vorhersage des Studienerfolgs. Neben der Abiturnote liefert kein anderes Verfahren eine vergleichbar gute Prognose (siehe die Metaanalyse von Hell, Trapmann & Schuler, 2007).

  • Studierfähigkeitstests haben eine hohe "Trefferquote".
  • Studierfähigkeitstests sind objektiv.
  • Die Teilnehmer-Ergebnisse sind vergleichbar, da an alle die gleichen Anforderungen gestellt werden.
  • Studierfähigkeitstests werden von Bewerbern akzeptiert und liegen im "Ranking" der Auswahlverfahren auf Platz 1 (Hell & Schuler, 2005).
  • Studierfähigkeitstests sind in der Durchführung und Auswertung ökonomisch, sowohl für Teilnehmer als auch für Hochschulen.
  • Studierfähigkeitstests sind gerichtsfest.

Bei der Auswahl von Masterstudierenden anhand von Bachelor-Noten besteht das grundsätzliche Problem der mangelnden Vergleichbarkeit dieser Noten. Die Hochschulen und Studiengänge unterscheiden sich erheblich in Bezug auf die gestellten Anforderungen und die Handhabung der Notenskala. Ein Vergleich von Bewerbern ist anhand der Bachelor-Noten daher nur sehr eingeschränkt möglich. Verlässt man sich ausschließlich auf die Noten, besteht die Gefahr, dass geeignete Bewerber zurückgewiesen werden zugunsten von Personen, die den Anforderungen eines Masterstudiums weniger gut gewachsen sind.

Fazit: Die Verwendung eines Studierfähigkeitstests ermöglicht den Hochschulen, bei der Auswahl von Studierenden für das Masterstudium die am besten geeigneten Personen zu identifizieren und für die Hochschule zu gewinnen.

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